Geschichte und Bedeutung des Klerusverbandes

 
  Die Geschichte des Klerusverbandes ist mehr als eine bloße Vereinsgeschichte, sie ist ein Ausschnitt bayrischer Kirchengeschichte, in dem zahlreiche Fäden der Tradition zusammenlaufen, zumal sie in eine Zeit fällt, die geprägt ist von übergreifenden Krisen und einschneidenden Wandlungen. Und von diesen Wandlungen sind auch ganz besonders die Priester betroffen, zwar nicht in ihrem Amt an sich, aber doch durch Gewichtsverlagerungen in ihrem Aufgabenbereich und durch Veränderungen in ihrer gesellschaftlichen Stellung.  
 

"Geschichte und Gestaltung"

 
  War Bayern über die Jahrhunderte hin zur "Bavaria Sancta" geworden, bestimmt von seiner Kirchenlandschaft, vom Rhythmus des liturgischen Jahres sowie von den engen Verflechtungen geistlicher und weltlicher Macht, in dem der Klerus seinen angestammten Platz hatte, so ließen antiklerikale Strömungen an der Schwelle zum 20. Jahrhundert konkrete Überlegungen zum vereinsgemäßen Zusammenschluss der Priesterschaft aufkommen. Diese antiklerikalen Strömungen lebten aus dem Geist des Kulturkampfes und erhielten durch journalistische und literarische Veröffentlichungen stets neue Nahrung. Schließlich antwortete der Ruf nach einer Interessenvertretung des Klerus auch auf die Gründung des "Bayrischen Lehrervereins" von 1861, denn Schul-, Mesner- und Organistendienst auf Seiten der Lehrer, geistliche Schulaufsicht auf Seiten der Priester hatten dazu geführt, dass mancherorts Schule und Pfarrhaus in "herzlicher Feindschaft" verbunden waren. So trafen sich am 25. November 1909 etwa 600 Geistliche in Regensburg und gründeten dort den "Landesverband der katholischen geistlichen Schulvorstände Bayerns", der sich "die christlich-religiöse Erziehung ... der vaterländischen Jugend" und die "Überwachung und Leitung der ...S chulen durch geistliche Schulvorstände" auf die Fahnen geschrieben hatte.  
  Mit der Beseitigung der geistlichen Schulaufsicht am 16. Dezember 1918 durch den nach dem Sturz des bayrischen Königshauses an die Macht gekommenen Kultusministers Johannes Hoffmann, war dem "Schulverband" zwar das Betätigungsfeld entzogen, aber auf dem Weg zu einer allgemeinen Priestervereinigung bildete der "Schulverband" doch ein solides Fundament, auf dem die priesterliche Standesorganisation aufbauen konnte.  
  Aber nicht nur in schulischer Hinsicht hatte die Revolution in Bayern für die Geistlichkeit neue Voraussetzungen geschaffen, mit der Machtübernahme des aus Berlin gebürtigen Sozialdemokraten Kurt Eisner und seiner Revolutionsregierung war auch eine fast 800 Jahre währende Kontinuität wittelsbachischer Kirchenpolitik abgebrochen. Für Michael Kardinal Faulhaber war dies der Anlass, seinen Klerus am 23. November 1918 aufzufordern, "zu erwägen, ob nicht in einer Zeit, da alle Stände zur Vertretung ihrer Interessen eine Standesorganisation gründen, auch seinerseits ... sich organisiere, um durch planmäßiges Zusammenarbeiten seine eigenen Standesrechte, die Rechte der Kirche und damit die höchsten Interessen des Volkslebens zu verteidigen. Die Mitarbeit des Klerus an der Politischen Neugestaltung ist nicht bloß ein staatsbürgerliches Recht der Geistlichen, sie ist unter den gegenwärtigen Verhältnissen auch seine Pflicht, weil es gilt, das Recht der Religion, die Freiheit der Kirche und überhaupt die idealen Werte auch im Wirtschaftsleben zur Geltung zu bringen." Ermuntert von diesem Aufruf des Erzbischofs von München und Freising machten sich neun Priester - unter ihnen der spätere Verbandsvorsitzende Georg Böhmer, der spätere Weihbischof Dr. Anton Scharnagl und Dr. Johannes Müller, der später Erzbischof von Schweden - daran, "Zweck und Ziel der beabsichtigten Priestervereinigung" zu formulieren. Dies sollten sein: "Pflege eines standesgemäßen priesterlichen Lebens", "gegenseitige Förderung", "vertrauensvolle Fühlungsnahme zwischen Bischof und Diözesanklerus", "planmäßiges Zusammenwirken des Klerus mit den kirchlichen Oberen gegenüber Gefahren der neuzeitlichen Verhältnisse", "Schutz und Förderung der im Klerus vorhandenen ideellen und materiellen Kräfte" sowie die "Schaffung und Bedienung eines ...S tandesorgans".  
  Nachdem die wenigen Gegner einer Priesterlichen Standesvereinigung überzeugt oder wenigstens überstimmt worden waren und nachdem alle Missverständnisse, besonders im Hinblick auf die Erhaltung des "unabänderlichen hierarchischen Charakters der Kirche Christi" ausgeräumt waren, konnte auf Grund dieser Satzungen am 14. Oktober 1919 der "Diözesan-Priesterverein der Erzdiözese München-Freising" gegründet werden; die übrigen bayrischen Diözesen folgten diesem Vorbild und schlossen sich am 17. Dezember 1919 in Nürnberg in einer konstituierenden Versammlung zum "Landesverband der Diözesan-Priestervereine Bayerns", dem späteren "Klerusverband", zusammen. Diese Versammlung leiteten Domkapitular Thaddäus Stahler (Würzburg) und Stadtpfarrer Alois Gilg (München) als erster und zweiter Vorsitzender, Stadtkaplan Ignaz Fischer (München) und Pfarrer Alois Natterer (Unterhausen/Neuburg) als Schriftführer, Stadtpfarrer Johann Hönninger (Bamberg) als Kassierer sowie Stadtpfarrer Thomas Braun (Regensburg), Prof. Dr. Matthias Ehrenfried (Eichstätt), Pfarrer Dr. Franz Ritzer (Simbach bei Landau) und Generalsuperior Martin Wothe (Herxheim) als Beisitzer, schließlich Pfarrer Franz Werthmann (Würzburg) als Landessekretär.  
  Thaddäus Stahler (1857-1938), der beharrliche und ruhige spätere Würzburger Dompropst, führte den Klerusverband in der Zeit der "Entfaltung und Gestaltung" (1920-1933). Er wurde anlässlich seines Goldenen Priesterjubiläums (1931) von Kardinal Faulhaber geehrt: "Dass die Priestervereine reibungslos feste Gestalt angenommen haben, und, was die Hauptsache ist, über das bloße Organisieren hinausgekommen sind und tatsächlich für unseren Klerus in geistlicher und wirtschaftlicher Hinsicht ein Segen wurden, ist Dein großes Verdienst."  
  Von seiner geistig-geistlichen Prägung her berief sich der neu konstituierte Verband auf drei große Gestalten aus den Anfängen der katholischen Restauration: auf Johann Michael Sailer (1751-1832), den charismatischen Lehrer, dessen Geist mehrere Theologengenerationen im Sinne weltoffener Irenik und romantischer Frömmigkeit bestimmt hat; auf den Würzburger Weihbischof Gregor Zirkel (1762-1817), den gewandten Organisator in der Restaurationszeit und auf Johann Adam Möhler (1796-1838), den Frühvollendeten, den Ludwig I. 1835 von Tübingen nach München geholt hatte und der mit seiner "Symbolik oder Darstellung der dogmatischen Gegensätze der Katholiken und Protestanten" eines der wesentlichen theologischen Werke des 19. Jahrhunderts geschrieben hatte. Kirchlich war der Verband ohne Kompromisse an Rom orientiert, politisch vertrat er grundsätzlich die Ziele der Bayrischen Volkspartei und im übrigen hatte er in den revolutionären Wirren nach dem Sturz der Monarchie vorerst die Parole "Ruhe und Ordnung" ausgegeben, treu gegen "Volk und Vaterland" und fern von allen Extremen.  
  Anlässlich des Katholikentages 1922 in München gingen dann die bayrischen Priestervereine zum ersten Mal mit einer Großkundgebung an die Öffentlichkeit. Vor illustren Gästen - unter ihnen Nuntius Eugenio Pacelli - beschwor der Eichstätter Professor und spätere Bischof von Würzburg Dr. Matthias Ehrenfried in seinem von Enthusiasmus getragenen Referat die Treue der Priestervereine zu Kirche und Bischof, ihre Universalität und schließlich ihre brüderliche Solidarität, wozu vor allem das aus den "Blättern für den katholischen Klerus" hervorgegangene "Klerusblatt" bis heute als verbindendes Organ, aber auch die Hilfsbereitschaft bei Rechtsfragen und die gemeinsamen Kurse über Probleme der Seelsorgspraxis beitragen.  
  Zu dieser Kundgebung erschien auch Kardinal Faulhaber, der in seinem Grußwort der Priestervereinigung sein volles Vertrauen aussprach und ihn vor allem drei Gruppen ans Herz legte: die Kranken, die Alumnen und jene, die "ihren Priesterrock an den Nagel gehängt haben." Um dieser Aufgabe, die nebenamtlich nicht mehr zu leisten war, gerecht zu werden, wurde 1925 die Gründung eines Landessekretariats beschlossen. Es bekam seine Amtsräume im traditionsreichen Asamhaus in München; für die Leitung der neuen Geschäftsstelle wurde Alois Natterer gewonnen, der sich mit Energie seiner Aufgabe widmete, der auch aufs Land hinausging und im persönlichen Gespräch den Kontakt zu seinen Amtsbrüdern herstellte. Nicht zuletzt ist Alois Natterer jene Festschrift zum 25jährigen Jubiläum des Klerusverbandes zu danken, in der er mit großem Fleiß und mit der Begeisterung dessen, der "dabei" war, Dokumente und Fakten zusammengetragen hat, wobei auf jeder Seite eine mit Stolz erfüllte Liebe des Autors zur "Bavaria Sancta" durchschimmert. Der Titel dieser Festschrift lautet: "Der bayrische Klerus in der Zeit dreier Revolutionen" (München 1946).  
  Der Erfolg bestätigt die Arbeit des Verbandes: Bis 1939 sind 6200 Mitglieder verzeichnet, denen die Verantwortlichen bei vielfältigen Problemen mit Rat und Tat zur Seite stehen, und der Landessekretär selber erläutert die in vier Gruppen unterteilten Hilfeleistungen: Da ist zum einen die Auskunfts- und Beratungsstelle, die bei rechtlichen und finanzrechtlichen Problemen sowie bei Fragen des Schul- oder Fürsorgewesens weiterhilft. Zum anderen gibt es die Rechtsschutzstelle. Sie vermittelt bei Streitfällen, trägt notfalls auch einen Teil der Anwaltskosten, ist im übrigen aber stets um einen friedlichen Ausgleich bemüht. Als drittes nennt Alois Natterer die "Apologetische Abteilung", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Kirche und Klerus gegen Angriffe von außen in Schutz zu nehmen, gegen ungerechtfertigte Vorwürfe in der Presse zu verteidigen und im Kontext der Geschichte richtig darzustellen, wobei Natterer am Schluss fragt: "Hätte auf diesem Gebiete nicht noch mehr geschehen können und müssen?" Dabei geht es nicht nur um Apologie, sondern auch um positive Anstöße, um Informationen und Kurse, etwa über Bayern, Kunst und Kultur, die freilich nicht im erwünschten Ausmaß angenommen werden und bald wieder eingestellt werden müssen. Die vierte und vielleicht wichtigste Abteilung schließlich ist die "Klerushilfe". Nach dem Motto "Venite ad me omnes, qui laboratis er onerati estis: Ego reficiam vos!" (MT 11,28) versucht der Klerusverband hier, in Not geratenen Priestern, Diakonen und Ordensleuten nach Kräften zu helfen: in wirtschaftlicher Not, bei Krankheit, bei finanziellen Schwierigkeiten wegen leichtsinnig eingegangener Bürgschaften, bei seelischen Problemen, selbst für Priester, die sich von der Kirche abgewandt haben, bleibt die Türe nicht verschlossen.  
  Eine Bewährungsprobe für den Klerusverband war dann die Krise des "Wirtschaftlichen Verbandes der katholischen Geistlichen", der "LIGA", die am 27. Oktober 1919 aus dem 1917 gegründeten Ökonomiepfarrerverband" hervorgegangen war. 1927 hatte nun die LIGA kräftig unter den Folgen von Weltwirtschaftskrise und Inflation zu leiden, außerdem mussten Fehlinvestitionen, unzureichend ausgebildetes Personal und Fehler in der Buchhaltung festgestellt werden. Zwar war die LIGA als selbstständige Organisation gegründet worden, aber durch die Tatsache, dass im Vorstand von LIGA und Klerusverband jeweils Vertreter der anderen Organisation saßen und dass die Mitglieder bei beiden Verbänden so ziemlich die gleichen waren, war jetzt doch enge Solidarität gefordert. Diese Solidarität bewährte, sich bei der LIGA-Generalversammlung am 23. November 1927, als in harmonischem Einvernehmen eine Erhöhung des Geschäftsanteils von 20 auf 100 Reichsmark sowie die Wirtschaftsfachleuten und Juristen zur erfolgreichen Sanierung der LIGA beschlossen wurden. Mit dieser Strategie hat sich die LIGA einen festen Platz unter den Geldinstituten erobert und bis heute behauptet. 1992 konnte sie an ihrem Stammsitz in Regensburg ihr 75jähriges Jubiläum feiern, das mit einer 230 Seiten starken Festschrift (hg. von M. Wagner-Braun und A. Hierhammer) und mit einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. würdig begangen wurde. Heute ist sie nicht nur in den bayrischen (Erz-)Diözesen sowie in der Diözese Speyer vertrete, sie hat eine Filiale in Dresden, eine Repräsentanz in Stuttgart und sie hat ihr Geschäftsgebiet auf die Erzdiözese Freiburg sowie nach Österreich ausgedehnt.  
  Waren die Beziehungen des Klerusverbandes zur LIGA auf Grund "verwandtschaftlicher" Verhältnisse entstanden, so gab es auch "freundschaftliche" Beziehungen zu anderen Organisationen, entsprechend den Worten Kardinal Faulhabers 1924, wonach die "Losung der Stunde die Sammlung aller positiven Kräfte und Werte, nicht die Entzweiung sein" müsse. Da gab es etwa Kontakte zum "Wehrverband", der in den Revolutionswirren von 1918/19 zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung gegründet worden war und der in der Person des von Hitler 1933 verhafteten Forstrats Georg Escherich einen vertrauensvollen Vertreter hatte; oder es gab Begegnungen mit Männern des Geisteslebens wie dem Herausgeber der "Süddeutschen Monatshefte", dem jüdischen Professor Paul Coßmann, der die Religion ins öffentliche, politische Leben tragen wollte und in den gemeinsamen Bemühungen der beiden großen christlichen "braunen Gefahr" erkannte. Auch er wurde 1933 verhaftet und ist 10 Jahre später  in Theresienstadt ums Leben gekommen. Und schließlich suchte der Klerusverband Kontakte zum "Bayrischen Lehrerverein", um das historisch vorbelastete "Verhältnis von Pfarrhaus und Schulhaus zu entgiften". Wenn diese freundschaftlichen Verbindungen dem guten Einvernehmen im eigenen Land dienen sollten, so wollte die "Internationale Kath. Aktion" zum friedlichen Miteinander über die Landesgrenzen hinaus beitragen. In diesem Sinne wurde 1923 das "Internationale Klerussekretariat" mit Sitz in Madrid (später in der Schweiz und in Siena) gegründet, dem sich die Priestervereinigungen Belgiens, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Jugoslawiens, Polens, Österreichs, Spaniens und der Schweiz anschlossen. Dabei ging es nach dem Motto "Pax Christi in regro Christi" zunächst ganz allgemein um Friede und Verständigung, aber darüber hinaus auch um die Förderung der Brüderlichkeit unter dem Weltklerus, die beim Ordensklerus in Form von Gastrecht und gegenseitiger wissenschaftlicher Unterstützung längst praktiziert wurde.